Die Selbstwert-Diktatur

Es gibt einen arg- und harmlosen Menschentyp, der mit felsenfestem Selbstvertrauen ausgestattet zu sein scheint. Diese Art von Selbstbewusstsein steht allerdings stark im Verdacht, der vollkommenen Ignoranz einfach allem gegenüber zu entstammen. In einer weitaus größerer Anzahl befindet sich aber leider das zweite vor Selbstvertrauen nur so strotzenden Modell: das Arschloch. Stets bemüht, diese Eigenschaft zur Demütigung anderer Menschen einzusetzen.

Die weniger Gesegneten schinden sich mit unzähligen Therapiestunden, Selbsthilferatgebern oder Wochenend-Power-Seminaren ab, alles, um wenigstens ab und zu ein Fünkchen Selbstbewusstsein zu erhaschen, oft ohne jeglichen Erfolg. Denn wollen wir wetten, dass niemand aus den beiden oben erwähnten Gruppen sein Spiegelbild jemals mit der immerwährenden Wiederholung der Indoktrinationsphrase „Ich bin ein wertvolles und einzigartiges Wesen“ langweilt? Aber Therapeuten, Gurus und Coaches müssen ja auch von irgendwas Leben, etwa genauso wie Schönheitschirurgen und Sportwagenverkäufer. Ganz zu schweigen von der Kosmetik-, Textil- , Fitness- und allen voran natürlich der Werbeindustrie. Denn mit kaum etwas lässt sich so viel Geld scheffeln wie mit dem Selbstzweifel und dessen kleinem Bruder, dem Neid. Deshalb werden vor allem die oberflächlichen Schönheits- und Erfolgskomplexe (oft enstanden aus viel tieferen psychischen Wunden) permanent von Werbung und werbe-abhängigen Fernsehsendern geschürt. Darüber hinaus wird uns durch oberschlaue Psyche-Ratgeber suggeriert, dass unser Leben ohne Selbstliebe gar nicht lebenswert ist, was uns dann endgültig verzweifeln lässt. Da wir in extrem leistungsorientierten Zeiten leben, müssen wir zu allem Überfluss – zumindest mal im Job – vortäuschen, dass wir uns selbst ganz toll finden. Oder wie es ein Freund von mir kürzlich ausdrückte „Einen auf dicke Eier machen hilft weiter“. Im Business ist erst recht kein Platz für Unzulänglichkeiten. Wer Schwäche zeigt, wird vom nächstbesten Arschloch überrannt und das passiert schnell, denn die sind besonders im Berufsleben deutlich in der Überzahl.

Was also kann man tatsächlich tun, um mit sich selbst klarzukommen? Ich persönlich kenne nur wenige wahrhaft selbstbewusste Menschen, die weder Grenzdebile noch Arschlöcher noch grenzdebile Arschlöcher sind, sie besitzen einige – durchweg positive – gemeinsame Eigenschaften. Sie haben die Fähigkeit, über sich selbst lachen zu können. Sie nehmen ihre eigene Meinung wichtiger als die Meinung von anderen. Sie sind immer zur Stelle, wenn Freunde sie brauchen, denn Freundschaft hat für sie einen hohen Stellenwert. Sie geben niemals mit ihren Leistungen oder Besitztümern an. Sie lassen sich kaum aus der Ruhe bringen. Sie interessieren sich für die unterschiedlichsten Dinge und sind zu fast jedem Unfug bereit. Und schließlich: sie machen den Eindruck, als wüssten sie ganz genau wer sie sind. Hier stellt sich natürlich die alte Frage nach dem Huhn oder dem Ei. Entstehen all diese Eigenschaften aus dem Selbstwertgewühl oder ist es umgekehrt? Vielleicht ist es auch eine sich gegenseitig bedingende Entwicklung.

Letztendlich muss man den Weg zum eigenen Selbstwert wohl allein beschreiten, das liegt ganz einfach in der Natur der Sache. Wer sich selbst schätzen lernen will, der darf sich keine vermeintlich allgemeingültigen Prinzipien aufzwingen lassen. Schon gar nicht solche, die von Selbstwertgefühl handeln.

Die blaue Brille

Aufwachen, Kaffee, bei Facebook einloggen. Wem dieses morgendliche Ritual vertraut ist, hat sich bestimmt schon mal die Frage gestellt woher dieser ständige Heißhunger nach dem Profil-Check eigentlich kommt. Hier ein etwas überspitzter aber dennoch ernst gemeinter Erklärungsversuch.

Der Trick zur Rekrutierung von derzeit etwa 1,1 Milliarden Usern ist eigentlich ganz einfach: das Facebook-Profil ist die gepimpte, kontrollierte Version von uns selbst. Es präsentiert sich so wie wir am liebsten sein möchten, denn Pixel sind geduldig. Es erzählt von spannenden Reisen, spaßigen Nächten, niedlichen Kindern, attraktiven Partnern und süßen Haustieren. Der öde Alltag wird außen vor gelassen und existiert somit nicht. Es erlaubt uns durch langes Nachdenken vermeintlich schlagfertig auf Kommentare zu reagieren. Es zeigt unseren „Freunden“, dass wir interessant, wertvoll und einzigartig sind. Auf Facebook dürfen wir uns sehen, wie wir uns gerne sehen wollen, die sprichwörtliche rosa Brille ist mittlerweile blau.

Einzig und allein durch die Wahrnehmung anderer haben sich unsere Facebook-Profile zu eigenständigen Persönlichkeiten entwickelt. Glaubt Ihr nicht? Dann testet Euch mal selbst: Wenn Ihr an den Eure Freunde oder Bekannte denkt, was seht Ihr dann vor Eurem geistigen Auge? Das letzte Treffen in der Kneipe oder das Profilbild? Ganz zu schweigen von Facebook-Freunden, denen Ihr physisch noch nie begegnet seid. Unmerklich ist eine schöne neue Welt entstanden, in der wir fortwährend Selbstzensur betreiben, aber das nehmen wir gerne in Kauf, denn Facebook hält – ganz anders als die Realität – jede Menge positives Feedback für uns bereit. Für manch einen ist diese Pseudo-Welt längst wichtiger als das richtige Leben. Partys kommen zustande, um sie in Echtzeit zu dokumentieren. Jedes kleine Alltags-Detail wird positiv aufbereitet und gepostet, stets in der Hoffnung auf nette Kommentare und vor allem viele Likes. Facebook funktioniert genau wie eine Droge: Positives Feedback löst ein Glücksgefühl in uns aus, das wir fortan immer wieder möchten. Für Likes und Liebesbekundungen von fast Fremden nehmen wir sogar gerne in Kauf, dass der Dealer die Nutzungsbedingungen fortwährend zu seinen Gunsten ändert.

Wie überall, wo sich eine Art Gesellschaft mit eigenen Gesetzmäßigkeiten entwickelt, darf auch eine gemeinsame Währung nicht fehlen und bei Facebook heißt sie „Gefällt mir“. Je mehr Likes jemand sammelt, desto beliebter ist er. Und genau das ist es schließlich, worum es geht: „Seht her, die Leute mögen, was ich poste, also mögen sie MICH!“. Am Wichtigsten ist natürlich das Ergattern möglichst vieler Profilbild-Likes, denn sie sagen. „Ich bin beliebt und vor allem SCHÖN!!!“. Also werden die Gefällt-Mirs fleißig getauscht: gibst du mir deins, geb ich dir meins. Auf diese Weise kann der User sich vor dem Horror bewahren, dass niemand liked und alle das sehen.

Der Wunsch nach Liebe und Anerkennung gehört zur menschlichen Natur, daran gibt es rein gar nichts auszusetzen. Doch bei Facebook pervertiert diese Sehnsucht sich selbst. Natürlich haben die Macher des Netzwerkes ihren Beitrag zur blauen Brille geleistet, etwa durch den Gefällt-Mir-Button oder die Bezeichnung „Freund“ für jeden noch so fremden Kontakt. Dennoch: die Inhalte bestimmt jeder einzelne Nutzer des Netzwerkes. Es wäre also zu einfach, Zuckerberg & Co. die Schuld in die Schuhe zu schieben. Vielmehr scheint Facebook nichts anderes als ein Zerrspiegel unserer „realen“ Gesellschaft zu sein, in der wir stets schön, interessant, witzig, erfolgreich und gut gelaunt sein müssen – aber nicht können. Wenn wir schon alle Loser sein müssen, zumindest unsere Profile sind perfekt.